Macher machen Geschichte – wie ein Unternehmen aus Marktredwitz seine 238 Jahre sichtbar macht
1788 entstand in Marktredwitz die erste Chemiefabrik Deutschlands. Nicht in Berlin, nicht in Hamburg, nicht in einer der großen Industriestädte – sondern hier, im Fichtelgebirge. Weil es eben schon immer Menschen in dieser Region gab, die nicht gewartet haben, bis anderswo jemand den ersten Schritt macht. Diese Haltung ist es, die uns als Freiraum für Macher bis heute antreibt. Und sie ist es, die ein Unternehmen wie die Cfm Oskar Tropitzsch GmbH über mehr als zwei Jahrhunderte getragen hat – durch Kriege, Wirtschaftskrisen und einen kompletten Neustart aus einer Garage heraus. Was die Firma nun mit einem eigenen Museum sichtbar macht, ist deshalb mehr als Unternehmensgeschichte. Es ist ein Beleg dafür, was im Fichtelgebirge immer möglich war: einfach anfangen, weitermachen, neu erfinden.



Goethe war schon da. Wirklich.
Am 24. Juli 1788 gründete Wolfgang Caspar Fikentscher in Marktredwitz die erste Chemiefabrik Deutschlands. Dass Johann Wolfgang von Goethe 1822 persönlich vorbeischaute, um die Fabrik zu besichtigen, sagt einiges darüber, welchen Ruf das Unternehmen damals bereits hatte. 1891 kauften die Brüder Tropitzsch das Unternehmen, verlagerten den Fokus auf Pflanzenschutzmittel und stellten ab 1907 Fusariol her, ein Fungizid, das weltweit eingesetzt wurde. Genau diese alte Fusariol-Dose ist heute eines der emotionalsten Exponate im neuen Museum – eigens unterbaut, damit sie sich vollständig öffnen lässt, weil man Geschichte nicht nur zeigen, sondern erleben wollte. Dann kam 1985.
Der Neustart aus der Garage
Fast 200 Jahre Unternehmensgeschichte, dann Bodenkontamination durch Jahrzehnte des Arbeitens mit toxischen Substanzen – und das Aus. Manch einer hätte das als Signal zum Schlussstrich verstanden. Oskar Tropitzsch, Enkel des Käufers von 1891 und zuletzt kaufmännischer Leiter der alten Fabrik, dachte anders. Noch im selben Jahr gründete er die Cfm Oskar Tropitzsch e.K. – der Name ein bewusster Verweis auf die Chemische Fabrik Marktredwitz, Geschichte mitgenommen, Ballast abgeworfen. Der Start wird so beschrieben: „Als die Garage umgebaut wurde, stand der Fernschreiber auf einem Brett über unserer Badewanne; zum Tippen hat man sich auf die Toilette gesetzt.“ Aus dieser Garage wurde eines der spezialisiertesten Handelsunternehmen für chemische Substanzen in Deutschland, Weltmarktführer in einigen Nischenprodukten, 2016 ausgezeichnet mit dem Exportpreis Bayern – als erstes oberfränkisches Unternehmen überhaupt. 2018 folgte der Einzug in einen modernen Neubau – genau 230 Jahre nach der Gründung.
Macher machen Geschichte
Steffen Tropitzsch führt das Unternehmen heute in der siebten Generation und bringt auf den Punkt, was das Museum leisten soll: „238 Jahre sind erst einmal abstrakt. Diese Gegenstände geben ein Gefühl für Zeit und für Veränderung.“ Bezeichnend ist dabei, dass der Anstoß zum Projekt nicht von der Geschäftsführung kam, sondern aus dem Team – genau die Haltung, die sich durch die gesamte Unternehmensgeschichte zieht. Die zentrale Botschaft des Museums stand deshalb schnell fest: „Macher machen Geschichte.“ Nicht als Werbespruch, sondern als Überzeugung, die man sich durch Kriege, Wirtschaftskrisen und einen Neustart aus der Garage redlich verdient hat.
Wenn Handwerk auf Haltung trifft
Für die Umsetzung holte Cfm zwei langjährige Partner ins Boot. Marc Eichner, verantwortlich für Konzept und Storytelling, hatte eine klare Vorstellung: Keine Exponate hinter Glas, keine Hemmschwelle – stattdessen frei an der Wand, offen und zugänglich. Das Hexagon als Grundform der Tafeln ist dabei kein rein ästhetisches Mittel, sondern ein subtiler Verweis auf die chemische DNA des Unternehmens. Schreinermeister Matthias Pausch übernahm die handwerkliche Umsetzung und formulierte das gemeinsame Ziel so: „Vergangenheit respektieren, Zukunft repräsentieren, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.“
Möbel und Träger, die man kaum wahrnimmt. Ein uraltes Kopier-Buch, aufwendig restauriert. Eine Fusariol-Dose, die man in die Hand nehmen kann. „Diese Gegenstände tragen nicht nur Geschichte in sich, sie sind Geschichte“ – und genau das ist der Unterschied zwischen einem Museum als Archiv und einem Museum als Erlebnis.

Was bleibt – und was weitergeht
Was Steffen Tropitzsch beim Blick auf das fertige Museum besonders bewegt, sind die Porträts der Inhaber über die Jahrzehnte – jede Generation hat das Unternehmen durch ihre Zeit geführt, mit allem, was das bedeutet hat. Cfm war dabei von Anfang an international aufgestellt, nicht als Reaktion auf Globalisierung, sondern weil das schon immer zur DNA gehörte. Bis ist das Unternehmen dabei in Marktredwitz ansässig, im Fichtelgebirge – im Freiraum für Macher.
Das Cfm-Museum befindet sich in den Räumen der Cfm Oskar Tropitzsch GmbH in Marktredwitz.


